
9.6.2026
Schutz im digitalen Raum: Die Position der SAJV
Stellungnahme der SAJV zur Regulierung sozialer Netzwerke und zum Schutz von Kindern und Jugendlichen im digitalen Raum
Bern, der 28.05.2026
Die Debatten rund um digitale Plattformen, die psychische Gesundheit junger Menschen und den Schutz Minderjähriger im digitalen Raum haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Sowohl in der Schweiz als auch international mehren sich Forderungen nach gesetzlichen Verboten oder starken Einschränkungen des Zugangs zu sozialen Netzwerken für Kinder und Jugendliche.
Diese Diskussionen beruhen auf realen Herausforderungen: Cybermobbing, Desinformation, gewaltvolle oder sexualisierte Inhalte, suchtverstärkende Mechanismen von Plattformen, massenhafte Datensammlung oder mögliche Auswirkungen auf die psychische Gesundheit. Bestimmte Entwicklungen unterstreichen diese Sorgen zusätzlich. Gemäss der WHO stieg der Anteil Jugendlicher mit problematischer Nutzung sozialer Medien in Europa zwischen 2018 und 2022 von 7 % auf 11 %1. Auch Cybermobbing, Sextortion oder KI-generierte Inhalte gegenüber Minderjährigen geben zunehmend Anlass zur Sorge.
Die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände (SAJV), als Dachorganisation von 59 Jugendorganisationen und Sprachrohr der Jugend, erkennt diese Risiken ausdrücklich an und ist überzeugt, dass Handlungsbedarf besteht. Gleichzeitig ist die SAJV der Ansicht, dass ein generelles Verbot sozialer Netzwerke für Minderjährige eine vereinfachende Antwort auf ein komplexes Problem darstellt. Eine solche Massnahme verschiebt die Verantwortung von den Plattformen auf die jungen Nutzer*innen selbst, ohne die strukturellen Ursachen der Problematik anzugehen.
Die SAJV setzt sich für einen ausgewogenen Ansatz ein, der auf Kinderrechten, Partizipation, Förderung digitaler Kompetenzen und der Verantwortung der Plattformen basiert. Kinder und Jugendliche müssen im digitalen Raum geschützt werden, doch dieser Schutz darf nicht über ihre Ausgrenzung aus Räumen erfolgen, die heute zentral für Information, soziale Teilhabe, Lernen, demokratische Mitwirkung und Identitätsentwicklung sind.
Die SAJV betrachtet digitale Plattformen heute als festen Bestandteil der Lebensrealität junger Menschen. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob junge Menschen Zugang zu diesen Räumen haben sollen, sondern unter welchen Bedingungen diese Räume sicherer, transparenter und respektvoller gegenüber ihren Rechten gestaltet werden können.
Kontakt
Niklas Tiemann
Bereichsleiter Politik bei der SAJV
niklas.tiemann@sajv.ch
079 290 80 85
Position der SAJV
1. Schützen ohne auszuschliessen: Kinder- und Jugendrechte gelten auch im digitalen Raum
Die SAJV lehnt ein generelles Verbot sozialer Netzwerke für Kinder und Jugendliche ab. Eine solche Massnahme ist unverhältnismässig, schwer umsetzbar und potenziell mit den Kinderrechten unvereinbar.
Kinder und Jugendliche haben Anspruch auf Schutz, aber ebenso auf Teilhabe, Informationszugang, Meinungsfreiheit und die Entwicklung ihrer Autonomie. Diese Rechte gelten auch im digitalen Raum.
Digitale Plattformen sind heute wichtige Räume für Sozialisation, gesellschaftliche Teilhabe, politischen Ausdruck und kulturelle Kreativität. Junge Menschen informieren sich dort, diskutieren, mobilisieren sich und beteiligen sich an politischen und gesellschaftlichen Debatten. Digitale Räume sind heute zentrale Orte demokratischer Teilhabe und des Erlernens von Bürger*innenschaft.
Für viele junge Menschen – insbesondere LGBTQIA+-Jugendliche, junge Menschen mit Behinderungen, Jugendliche mit Migrationsgeschichte oder Jugendliche in schwierigen sozialen Situationen – stellen digitale Räume wichtige Orte von Unterstützung, Gemeinschaft und Zugang zu Informationen dar. Pauschale Einschränkungen riskieren insbesondere jene auszuschliessen, die am stärksten auf diese Räume angewiesen sind.
Die SAJV ist zudem der Ansicht, dass ein generelles Verbot digitaler Plattformen wichtige Fragen der Umsetzbarkeit und Wirksamkeit aufwirft. Internationale Erfahrungen zeigen, dass Zugangsverbote zu digitalen Plattformen leicht umgangen werden können – beispielsweise über VPNs, Drittaccounts oder andere technische Hilfsmittel. Ihre Umsetzung würde zudem besonders intrusive Überwachungsmechanismen erfordern, die mit den Grundprinzipien eines demokratischen Rechtsstaates und dem Schutz der Privatsphäre schwer vereinbar wären.
Eine Verbotslogik kann zudem kontraproduktive Folgen haben. Junge Menschen würden digitale Plattformen weiterhin nutzen, jedoch unter prekäreren und unsichereren Bedingungen. Im Fall von Cybermobbing, Grooming, digitalisierter sexualisierter Gewalt oder anderen problematischen Erfahrungen könnten betroffene Jugendliche stärker zögern, Hilfe zu suchen, wenn sie sich gleichzeitig in einer verbotenen oder illegalisierten Situation befinden.
Eine wirksame öffentliche Politik darf digitale Praktiken junger Menschen nicht aus dem Schutz- und Unterstützungsrahmen verdrängen, sondern muss ihre Sicherheit, ihre Handlungskompetenz und ihren Zugang zu Unterstützung stärken.
Die SAJV ist deshalb der Ansicht, dass der Schutz von Kindern und Jugendlichen nie daran gemessen werden darf, wie viele junge Menschen aus digitalen Räumen ausgeschlossen werden, sondern daran, wie viele junge Menschen Zugang zu sicheren digitalen Räumen haben, die ihrer Lebensrealität entsprechen und ihre Rechte respektieren.
Der Schutz von Kindern und Jugendlichen darf nicht zu einem «goldenen Käfig» führen, in dem junge Menschen unter dem Vorwand der Sicherheit von wichtigen gesellschaftlichen Räumen ausgeschlossen werden.
2. Digitale Plattformen sind auch Lern- und Partizipationsräume
Digitale Kompetenzen entstehen nicht allein durch Theorie oder Verbote. Sie entwickeln sich durch Erfahrung, Begleitung und kritische Reflexion.
Die SAJV ist überzeugt, dass Kinder und Jugendliche schrittweise lernen müssen, sich in digitalen Räumen zu bewegen – in sicheren und begleiteten Rahmenbedingungen. Dazu gehört insbesondere, ihr kritisches Denken zu stärken, ihr Verständnis von Algorithmen und Einflussmechanismen zu fördern, ihre Fähigkeit zur Erkennung von Desinformation zu entwickeln, sie im Umgang mit Datenschutz und Privatsphäre zu unterstützen, respektvolle Online-Kommunikation einzuüben und sie darin zu stärken, problematische oder manipulative Inhalte zu erkennen.
Die Risiken im digitalen Raum sind real. Cybermobbing, Desinformation, Hassrede, Sextortion, Cybergrooming oder suchtverstärkende Mechanismen können erhebliche Auswirkungen auf das Wohlbefinden junger Menschen haben.
Gleichzeitig sind die Auswirkungen sozialer Netzwerke auf die psychische Gesundheit komplex, differenziert und stark vom jeweiligen Nutzungskontext abhängig. Die Effekte können negativ, aber auch positiv sein – etwa im Hinblick auf soziale Unterstützung, Selbstexpression, Zugehörigkeitsgefühl oder den Zugang zu Informationen und Hilfsangeboten2.
Die SAJV ist überzeugt, dass ein ausschliesslich verbotsorientierter Ansatz nicht dazu beiträgt, die notwendigen Kompetenzen für einen verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Herausforderungen zu entwickeln. Junge Menschen müssen dabei unterstützt werden, Strategien zum Umgang mit Risiken, Belastungen und digitalen Dynamiken zu entwickeln.
Die Rolle von Erwachsenen ist dabei zentral. Eltern, Lehrpersonen, Fachpersonen der Jugendarbeit und weitere Bezugspersonen müssen über ausreichende Ressourcen und Kompetenzen verfügen, um junge Menschen konstruktiv begleiten zu können. Die SAJV unterstützt deshalb insbesondere die Stärkung der Medien- und Digitalkompetenz, den Ausbau niederschwelliger Präventions- und Unterstützungsangebote sowie partizipative Ansätze, bei denen Regeln gemeinsam mit jungen Menschen entwickelt werden.
Klare Regeln können sinnvoll sein, müssen jedoch altersgerecht, kontextbezogen und entwicklungsorientiert ausgestaltet werden – und dürfen nicht in Form starrer, allgemeiner Verbote erfolgen.
3. Die Verantwortung muss bei den Plattformen liegen
Die SAJV stellt fest, dass öffentliche Debatten häufig das Verhalten junger Menschen in den Fokus stellen, während die strukturellen Ursachen vieler Probleme im Funktionieren der Plattformen selbst liegen.
Die Geschäftsmodelle grosser digitaler Plattformen basieren oft auf maximaler Aufmerksamkeitsbindung und der wirtschaftlichen Nutzung persönlicher Daten. Zahlreiche Funktionen sind gezielt darauf ausgelegt, eine längere und teilweise zwanghafte Nutzung zu fördern: Endless Scroll, automatische Wiedergabe, algorithmische Empfehlungen, permanente Benachrichtigungen oder soziale Belohnungssysteme wie Likes oder Streaks. Diese Mechanismen sind nicht neutral: Sie beeinflussen direkt das Nutzungsverhalten, die online verbrachte Zeit und die Inhalte, denen junge Menschen ausgesetzt sind.
Die Debatte darf sich jedoch nicht nur auf die Regulierung bestehender kommerzieller Plattformen beschränken. Gleichzeitig braucht es eine stärkere Förderung gemeinwohlorientierter, nicht-kommerzieller und transparenter digitaler Räume. Open-Source-Lösungen, dezentrale Plattformen und öffentlich oder zivilgesellschaftlich getragene Angebote können dazu beitragen, digitale Umgebungen zu schaffen, die weniger stark auf Aufmerksamkeitsmaximierung, Datenauswertung und kommerzielle Interessen ausgerichtet sind.
Kinder und Jugendliche dürfen nicht allein die Verantwortung für digitale Umgebungen tragen müssen, die bewusst darauf ausgelegt sind, Aufmerksamkeit zu maximieren und Abhängigkeiten zu fördern. Eine wirksame Politik zum Schutz von Kindern und Jugendlichen muss deshalb bei der Gestaltung der Plattformen, ihren Geschäftsmodellen und ihren Verpflichtungen in Bezug auf Sicherheit, Transparenz und Grundrechte ansetzen.
Die SAJV fordert insbesondere:
- mehr Transparenz bezüglich Algorithmen und Empfehlungssystemen;
- Einschränkungen manipulativer und suchtverstärkender Designs;
- besseren Schutz personenbezogener Daten und der Privatsphäre Minderjähriger;
- standardmässig erhöhte Sicherheits- und Datenschutzeinstellungen für Minderjährige, insbesondere durch Einschränkungen von Nachrichten und Kontakten unbekannter Personen;
- zugängliche und wirksame Meldesysteme sowie eine schnelle Moderation illegaler oder gefährdender Inhalte;
- Instrumente, die eine reflektiertere Nutzung digitaler Plattformen fördern, etwa Hinweise oder Pausen nach längerer Nutzung;
- eine stärkere Verantwortung der Plattformen beim Schutz Minderjähriger.
Die SAJV unterstützt zudem ein Verbot personalisierter Werbung für Minderjährige. Die Schweiz darf bei internationalen und europäischen Standards – insbesondere dem Digital Services Act (DSA) – nicht zurückfallen. Kinder und Jugendliche in der Schweiz dürfen nicht schlechter geschützt sein als junge Menschen in der Europäischen Union.
4. Digitale Sicherheit muss Grundrechte respektieren
Die SAJV anerkennt, dass gewisse Schutzmassnahmen, einschliesslich altersbezogener Mechanismen, in bestimmten Kontexten sinnvoll sein können. Solche Massnahmen müssen jedoch verhältnismässig sein und Datenschutz sowie Grundrechte respektieren.
Die SAJV lehnt invasive Altersverifikationssysteme ab, die auf der umfangreichen Sammlung persönlicher oder biometrischer Daten beruhen. Der Schutz von Kindern und Jugendlichen darf nicht zu flächendeckender Überwachung führen.
Junge Menschen müssen Schutzmassnahmen nachvollziehen können und in Diskussionen über digitale Regulierung einbezogen werden. Wirksamer Schutz stärkt Autonomie und Verständnis – statt Kontrolle ohne Mitbestimmung.
Die SAJV ist zudem der Ansicht, dass junge Menschen systematisch in politische und regulatorische Prozesse rund um digitale Themen einbezogen werden müssen. Zu oft werden digitale Politiken über junge Menschen beschlossen, ohne dass diese tatsächlich mitwirken können.
Die SAJV vertritt deshalb folgenden Grundsatz: Baut keine digitale Welt für junge Menschen ohne junge Menschen. Baut sie gemeinsam mit ihnen.
5. Forderungen der SAJV
Die SAJV fordert die Schweizer Behörden auf, einen umfassenden, ausgewogenen und kinderrechtsbasierten Ansatz zum Schutz von Kindern und Jugendlichen im digitalen Raum zu verfolgen. Dieser Ansatz muss generelle Verbote vermeiden und stattdessen Massnahmen stärken, die sowohl die Sicherheit als auch die Autonomie und Handlungskompetenz junger Menschen fördern.
Die SAJV empfiehlt insbesondere:
- eine stärkere Regulierung digitaler Plattformen, insbesondere in Bezug auf algorithmische Transparenz, Datenschutz, Einschränkungen manipulativer und suchtverstärkender Designs, Moderation problematischer Inhalte sowie ein Verbot personalisierter Werbung für Minderjährige;
- eine Stärkung der Medien- und Digitalkompetenz in Schulen, Jugendorganisationen und Familien, damit junge Menschen kritisches Denken, ein Verständnis für Einflussmechanismen, digitale Selbstständigkeit und die Fähigkeit entwickeln können, Risiken im digitalen Raum zu erkennen;
- verhältnismässige Schutzmassnahmen, die Grundrechte respektieren, insbesondere im Bereich der Altersüberprüfung und des Datenschutzes, um jede Form flächendeckender Überwachung oder übermässiger Sammlung persönlicher Daten zu vermeiden;
- eine stärkere Beteiligung junger Menschen an Entscheidungen, die sie betreffen, indem sie systematisch in die Erarbeitung digitalpolitischer Massnahmen, von Präventionsangeboten und von Regeln zur Nutzung digitaler Räume einbezogen werden;
- mehr Unterstützung für Erwachsene und Bezugspersonen, damit Eltern, Lehrpersonen, Fachpersonen der Jugendarbeit und weitere Begleitpersonen über die nötigen Ressourcen verfügen, um mit jungen Menschen in Dialog zu treten, sie zu begleiten und gemeinsam mit ihnen alters- und realitätsgerechte Regeln zu entwickeln.
Die SAJV setzt sich mit der untenstehenden Position für einen Schutz ein, der junge Menschen nicht einfach von digitalen Plattformen fernhält, sondern diese Räume so verändert, dass sie sicherer, transparenter, gerechter und demokratischer werden.